Wenn der Spielraum verschwindet – Hartmut Rosa und die Krise des menschlichen Handelns

Ein neues Buch trifft einen Nerv. Und es wirft eine Frage auf, die ins Herz Philosophischer Praxis führt: Was macht uns eigentlich zu handelnden Subjekten – und was nimmt uns diese Fähigkeit?

Hartmut Rosa, Soziologe und einer der meistgelesenen deutschsprachigen Gesellschaftstheoretiker, hat Anfang 2026 ein Buch vorgelegt, das sofort auf die Spiegel-Bestsellerliste gelangte: Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums. Der Titel klingt akademisch, aber das Anliegen ist zutiefst lebenspraktisch – und politisch.

Ich erkläre hier, warum dieses Buch für die Philosophische Praxis so wichtig ist.

Zwei Begriffe, eine Diagnose

Rosa unterscheidet zwei Grundmodi menschlicher Lebenswirklichkeit: Konstellationen und Situationen.

Konstellationen sind strukturierte Handlungsrahmen mit klaren Regeln, Formularen, Algorithmen, binären Entscheidungslogiken. Sie sind auf Effizienz, Transparenz und Kontrollierbarkeit ausgelegt. Situationen hingegen sind das, was das Leben wirklich ausmacht: offen, kontextabhängig, nicht vollständig voraussehbar – und deshalb auf menschliches Urteilsvermögen angewiesen.

Rosas Diagnose: Situationen werden zunehmend von Konstellationen überlagert und verdrängt. Die Lehrerin, die keine Noten mehr zur Ermutigung vergeben kann. Die Ärztin, die auf Bildschirme starrt statt auf Patienten. Der Schiedsrichter, dessen Augenmaß der Videobeweis ersetzt. Überall dieselbe Bewegung: Das situationssensible Urteilen weicht der konstellationsbasierten Vollzugslogik. Aus Handelnden werden Vollziehende.

Das hat, wie Rosa betont, durchaus gute Gründe. Regeln schaffen Gerechtigkeit, Transparenz verhindert Willkür, Digitalisierung steigert Effizienz. Aber der Preis ist hoch: Wenn Ermessensspielräume verschwinden und die Kreativität menschlichen Handelns aus dem Alltag eliminiert wird, wächst das Gefühl der Ohnmacht, der Erschöpfung, des Sinnverlustes. Die Gesellschaft verliert Energie.

Was auf dem Spiel steht

Rosa verknüpft seine Gegenwartsdiagnose mit einem tieferen anthropologischen Anspruch: Die Fähigkeit, situationsgemäß zu urteilen und zu handeln, ist nicht eine unter vielen menschlichen Kompetenzen. Sie ist das Kennzeichen des Menschen als handelndes Wesen überhaupt.

Aristoteles hätte hier von phronesis gesprochen – von praktischer Klugheit, der Fähigkeit, im konkreten Einzelfall das Richtige zu erkennen und zu tun. Es ist kein Zufall, dass Kant die Urteilskraft als Bindeglied zwischen allgemeinen Prinzipien und besonderen Situationen beschrieben hat. Und es ist kein Zufall, dass Hannah Arendt das Handeln – im Unterschied zum bloßen Herstellen und Arbeiten – als den spezifisch politischen, also auf die Gemeinschaft bezogenen Modus menschlicher Existenz begriffen hat.

Was Rosa beschreibt, ist also nicht nur ein Problem der Arbeitswelt oder der Bürokratie. Es ist eine Erosion der menschlichen Handlungsfähigkeit als solcher – und damit eine Erosion von Würde, Verantwortung und Freiheit.

Handlungsspielraum und Urteilsfähigkeit – warum beides zählt

Handlungsspielraum und Urteilsvermögen hängen untrennbar zusammen. Kein Spielraum ohne Urteil – und kein Urteil, das nicht Spielraum voraussetzt und schafft.

Spielraum ist die strukturelle Bedingung: die Möglichkeit, zwischen Optionen zu wählen, eigene Wege zu gehen, Situationen gestaltend zu begegnen statt sie nur abzuarbeiten. Wo Spielräume fehlen, bleibt das Subjekt bloßes Ausführungsorgan.

Urteilsvermögen ist die personale Bedingung: die Fähigkeit, eine Situation in ihrer Eigenart zu erfassen, sie im Licht von Werten und Erfahrungen zu gewichten und dann – trotz Unsicherheit – zu handeln. Wer urteilen kann, kann Verantwortung übernehmen. Wer keine Gelegenheit bekommt zu urteilen, verlernt es.

Beide Dimensionen lassen sich auf allen Ebenen sozialer Existenz beschreiben: im persönlichen Leben, in der Beziehungsgestaltung, im Berufsalltag, in Organisationen, in der politischen Gemeinschaft.

Wo Philosophische Praxis ansetzt

Hier liegt das Feld der Philosophischen Praxis – und hier zeigt sich ihre Relevanz nicht nur für den Einzelnen, sondern für die Gesellschaft als Ganze. Philosophische Praxis ist nicht Psychotherapie, nicht Coaching und nicht Managementberatung – obwohl sie Berührungspunkte zu all diesen Bereichen hat. Sie ist die Einladung zum gemeinsamen Denken: methodisch, fragend, ohne vorschnelle Antworten, mit dem Ziel, Handlungs- und Urteilsfähigkeit zu stärken.

In der individuellen Beratung geht es darum, Menschen darin zu unterstützen, eigene Orientierungen wiederzufinden oder neu zu entwickeln. Wer weiß, was ihm wirklich wichtig ist, wer seine Werte kennt und reflektiert hat, wer versteht, wie er denkt und urteilt – der ist besser gerüstet, in einer komplexen Welt handlungsfähig zu bleiben. Das philosophische Gespräch ist dabei kein Luxus für Muße-Zeiten. Es ist eine Form der Praxis, die Menschen befähigt, ihr Leben als ihr eigenes zu führen.

Im organisationalen Kontext – in Unternehmen, Verwaltungen, gemeinnützigen Organisationen – bedeutet das: Führungskräfte und Teams dazu befähigen, Situationen als Situationen zu behandeln statt als Konstellationen zu verwalten. Das heißt: Ermessensspielräume verteidigen, Entscheidungskompetenzen dort verankern, wo Urteilsvermögen tatsächlich vorhanden und gefragt ist, und eine Gesprächskultur zu pflegen, in der Fragen willkommen sind – nicht als Zeichen von Schwäche, sondern als Kennzeichen professioneller Reife.

In der gesellschaftlichen Dimension schließlich ist Philosophische Praxis ein Beitrag zu dem, was Aristoteles den bios politikos nannte: die Lebensform von Bürgerinnen und Bürgern, die gemeinsam über das Gute Leben und die gerechte Gemeinschaft nachdenken. In einer Zeit, in der öffentliche Debatten von Lagerdenken und Konstellationslogik dominiert werden, braucht es Räume für offenes, nicht-instrumentelles Denken. Die Philosophischen Praxis ist ein solcher Raum.

Was Rosa nicht leistet – und was Philosophische Praxis dazu beitragen kann

Die Kritiker haben Recht: Rosas Buch bleibt manchmal vage, wo es präzise sein müsste. Es benennt das Problem, aber es liefert keine Praxis.

Genau hier liegt die Chance – und die Aufgabe. Die Frage, wie wir Spielräume zurückgewinnen, lässt sich nicht durch politische Programme allein beantworten. Sie stellt sich jedem Einzelnen, jeder Organisation, jeder Gemeinschaft neu und konkret. Und sie lässt sich nur beantworten, wenn wir die Fähigkeit wiedergewinnen, situationssensibel zu urteilen: nicht nach Schema F, nicht konstellationsgemäß – sondern mit dem ganzen Vermögen, das uns als Menschen auszeichnet.

Das ist das Kerngeschäft der Philosophischen Praxis.

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Der Praxisbegriff der Philosophischen Praxis