Der Praxisbegriff der Philosophischen Praxis
Fragt man nach der Bedeutung von „Philosophischer Praxis“, so wird Praxis häufig vor allem als ein Ort oder eine Institution verstanden, ähnlich der Praxis eines Arztes oder Therapeuten.
Zudem wird die „Praxis“ betont, um sich von der Theorie der akademischen Philosophie abzugrenzen und den Lebensbezug und die Lebendigkeit der Philosophie abzugrenzen.
Diese Gegenüberstellung von Theorie und Praxis der Philosophie macht vielleicht weniger Sinn als es scheint, insbesondere wenn man sich an Aristoteles Praxisbegriff orientiert.
Aristoteles unterscheidet grundsätzlich zwischen:
Theoria: erkennende, betrachtende Tätigkeit (Wissen um seiner selbst willen)
Poiesis: herstellende Tätigkeit (Produktion eines Werkes oder Ergebnisses)
Praxis: Handeln, dessen Ziel im Handeln selbst liegt
Wenn man dieses Verständnis ernst nimmt, kann Philosophische Praxis nicht einfach Anwendung von Philosophie sein (das wäre Poiesis – ein Werk herstellen). Sie wäre vielmehr:
Ein Vollzug des Denkens als Lebensform
Philosophieren ist keine Technik, die man auf ein Problem anwendet und dann beiseitelegt. Es ist eine Art zu sein – eine Haltung der reflektierten Aufmerksamkeit gegenüber dem eigenen Leben, den eigenen Urteilen, den eigenen Selbstverständlichkeiten. Philosophische Praxis wäre dann die kontinuierliche Übung dieser Haltung – nicht das Lösen von Problemen, sondern das Bewohnen von Fragen.
Die Kultivierung von Phronesis (Klugheit)
Phronesis ist keine Theorie des Richtigen, sondern die situative Urteilskraft – die Fähigkeit, in der konkreten Lage zu erkennen, was gut ist, ohne auf ein Regelwerk zurückgreifen zu können. Philosophische Praxis würde dann bedeuten: gemeinsam diese Urteilskraft schärfen, indem man lernt, die eigene Situation wirklich zu sehen, sie zu durchdenken, implizite Wertungen sichtbar zu machen.
Eudaimonia (Gelingen des Lebens)
Das Ziel ist nicht ein punktuelles „Glücklichsein“ (Gefühlszustand), sondern das gute Leben (als Tätigkeit der Seele gemäß der Vernunft). Die Praxis reflektiert, ob die eigene Lebensführung zu einer entfalteten menschlichen Existenz beiträgt.
Ein gemeinsames Tun – Praxis als politisch-soziales Geschehen
Für Aristoteles ist Praxis immer schon eingebettet in die Polis, in Gemeinschaft und Gespräch. Philosophische Praxis wäre demnach nicht primär eine Einzelbetreuung, sondern ein gemeinsames Denken – das Gespräch als der Ort, an dem Praxis geschieht. Der Dialog ist nicht Mittel zum Zweck, er ist die Praxis.
Philosophische Praxis bedeutet heute nach Aristoteles, einen „Raum der Vernunft“ zu eröffnen, in dem Menschen nicht ihre psychischen Probleme behandeln, sondern ihre praktische Urteilskraft trainieren. Es ist das Training der Fähigkeit, in der Komplexität moderner Lebenswelten klug, maßvoll und ethisch integer zu handeln.