Hitze ohne Klima

Eine Beobachtung zum Sommer 2026

Über die Hitze wird geredet. Über die Tatsache, dass Deutschland seine eigenen Klimaziele nicht erreichen wird, wird geschwiegen. Das ist der eigentliche Befund dieses Sommers – nicht die Temperaturrekorde selbst.

Wetter ist, was wir spüren. Klima ist, was wir vergessen.

Wetter ist ein Zustand: heute, hier, spürbar. Klima ist ein Muster: über Jahrzehnte, statistisch, abstrakt. Man erleidet Wetter. Man rekonstruiert Klima. Diese Differenz ist keine Begriffsklauberei, sie entscheidet, was politisch überhaupt als Problem erscheint. Ein Zustand verlangt nach einer Reaktion. Ein Muster verlangt nach einer Kurskorrektur. Das eine lässt sich in einer Nachrichtensendung erzählen, das andere kaum – und genau deshalb bekommt das eine Aufmerksamkeit und das andere nicht.

Der Befund: Man weiß es, aber man will es nicht mehr wissen

Dass sich diese Verschiebung nicht nur beobachten, sondern messen lässt, zeigt eine aktuelle YouGov-Erhebung. Ende 2021 nannte noch rund ein Drittel der Deutschen Klimaschutz als eines der drei wichtigsten Themen des Landes. Mitte 2026 ist es nur noch etwa jeder Sechste – bei einer weiterhin großen Mehrheit, die den menschengemachten Klimawandel für real hält. Das ist keine Erosion der Überzeugung. Es ist eine Abwendung trotz Überzeugung, eine Ermüdung, die mit dem Gefühl einhergeht, ohnehin nichts mehr ändern zu können.

Der eigentliche Skandal: das gebrochene Versprechen

Und hier liegt der Punkt, der über bloße Aufmerksamkeitsverschiebung hinausgeht. Es geht nicht darum, dass Deutschland an einem äußeren Idealziel scheitert, das ihm von außen auferlegt wurde. Der Expertenrat für Klimafragen hat im Frühjahr 2026 festgestellt, dass Deutschland nach heutigem Stand sämtliche eigenen, gesetzlich fixierten Klimaziele zwischen 2030 und 2045 verfehlen wird – Ziele, die der Gesetzgeber sich selbst gesetzt hat, nicht Brüssel, nicht die Vereinten Nationen. Das ist keine Prognose über die Welt. Das ist die Feststellung eines gebrochenen Selbstversprechens.

Genau das verschwindet, wenn nur über die Hitzewelle gesprochen wird: die Frage, ob ein Land seinen eigenen, demokratisch beschlossenen Verpflichtungen noch treu ist. Man empört sich über 40 Grad im Schatten und schweigt über die Tatsache, dass die Institutionen, die diese 40 Grad in Zukunft verhindern sollten, ihre eigenen Zusagen aufgeben.

Wessen Zukunft eigentlich zur Debatte steht

Hans Jonas hat mit seinem "Prinzip Verantwortung" einen Gedanken formuliert, der genau hier ansetzt: Wo Handeln Folgen zeitigt, die weit über die eigene Lebensspanne hinausreichen, entsteht eine Verantwortung gegenüber denen, die diese Folgen tragen müssen, ohne an ihrer Entstehung beteiligt gewesen zu sein – den kommenden Generationen. Ein verfehltes Klimaziel ist insofern keine technokratische Fußnote. Es ist die stillschweigende Übertragung einer Last an Menschen, die an der heutigen Debatte nicht teilnehmen können, weil sie noch nicht geboren sind.

Diese Verantwortung lässt sich nicht in Wetterkategorien denken. Man kann für eine Hitzewelle Verständnis oder Mitleid empfinden. Verantwortung dagegen setzt einen Zeithorizont voraus, der über die eigene Betroffenheit hinausreicht – genau jenen Horizont, den eine an Ereignissen orientierte Öffentlichkeit systematisch verkürzt.

Von der Wetterlage zur Klimafrage

Der Historiker François Hartog hat für unsere Gegenwart eine Verengung des Zeitbewusstseins beschrieben, die er "Präsentismus" nennt: eine Kultur, die kaum noch anders kann, als im Modus des unmittelbar Gegenwärtigen zu urteilen. Die Rede vom Wetter bei gleichzeitigem Schweigen über das Klima ist ein Symptom dieser Verengung. Wir reagieren gut auf das, was uns trifft. Wir haften schlecht für das, was wir anderen hinterlassen.

Die eigentliche Frage dieses Sommers lautet deshalb nicht: Wie heiß wird es noch? Sondern: Wessen Zukunft verhandeln wir gerade, wenn wir glauben, nur übers Wetter zu reden?

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Wenn der Spielraum verschwindet – Hartmut Rosa und die Krise des menschlichen Handelns