Das Unsagbare sagen – ein World Café beim Herbstkolloquium der IGPP

Vom 2. bis 4. Oktober 2026 fand im Wilhelm-Kempf-Haus in Wiesbaden-Naurod das XL. Kolloquium der Internationalen Gesellschaft für Philosophische Praxis (IGPP) statt. Am Samstagvormittag durfte ich dort ein World Café moderieren.

Der Rahmen: Transzendieren und Verwurzeln

Das Kolloquium stand unter dem Titel „Transzendieren und Verwurzeln in krisenhaften Zeiten. Philosophieren an den Grenzen von Sprechen, Verstehen und Handeln“. Die Einladung beschreibt eine Spannung des menschlichen Daseins: das Streben nach Transzendenz, dem Überschreiten des Herkömmlichen, und das Bedürfnis nach Verwurzelung als menschliche Grundhaltung. Krisenhafte Zeiten, die uns „sprachlos und mitunter einsam zurücklassen“, machten es zu einer zentralen Lebensaufgabe, diese beiden Pole auszutarieren.

Die Philosophische Praxis, so die Ausgangsthese, erschließe dafür besondere Potenziale. In ihr finden Begegnungen statt, die sich in Räume der Erkenntnis „jenseits des sprachlich Fassbaren“ öffnen, im Dialog zwischen Praktiker:in und Gast ebenso wie in gemeinschaftlichen Formaten wie dem Philosophischen Salon. Das Kolloquium widmete sich diesen Potenzialen mit Impulsvorträgen, Workshops und dialogischen Praxisformaten. Das World Café war eines davon, mit dem Titel „Das Unsagbare sagen – Gespräche in Philosophischer Praxis an den Grenzen von Sprechen, Verstehen und Handeln“.

Sechs Tische, sechs Fragen

Die Fragen lassen sich als Bogen lesen: von der Sprache der Krise über ihr Versagen und das Schweigen, über Trost und Zuversicht, bis zur Frage nach der eigenen Haltung als Philosoph:in.

Tisch 1 – Krisensprache
Wie reden wir über das Unbegreifliche? Welche Metaphern greifen wir angesichts von Krisen, Leid- und Bedrohungserfahrungen auf? Was verschleiern diese Bilder, was ermöglichen sie?
Der erste Tisch fragt nach der Sprache, die wir für Krisen benutzen. Metaphern machen Unbegreifliches zugänglich, sie können aber auch verdecken, was sie benennen. Beides gehört zur Frage.

Tisch 2 – Sprachlosigkeit
Was passiert, wenn die Sprache angesichts des Leids und des Schicksals des Gastes versagt? Wie können wir als Philosoph:innen in der eigenen Sprachlosigkeit noch in der Begegnung bleiben?
Hier wechselt die Perspektive in die Praxis. Die Gesprächspartner:innen heißen dort üblicherweise „Gäste“. Die Frage zielt weniger darauf, was gesagt werden könnte, als darauf, wie man in der Begegnung bleibt, wenn die eigenen Worte nicht tragen.

Tisch 3 – Schweigen
Was meint Wittgensteins „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“ angesichts von überwältigenden Krisen? Und wie kann Schweigen auch ein Erkenntniswerkzeug sein, das möglicherweise andere Formen der zwischenmenschlichen Begegnung ermöglicht?
Der Schlusssatz von Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus (Satz 7) wird auf seine Bedeutung für die Praxis befragt. Ist Schweigen nur das Ende des Sprechens, oder auch eine eigene Weise des Erkennens und der Begegnung?

Tisch 4 – Trost
Was leistet Trost in der Philosophischen Praxis – und wo unterscheidet er sich von bloßer Vertröstung? Kann Philosophie trösten, ohne die Wahrheit einer Krise zu beschönigen oder kleinzureden? Und was trägt, wenn Worte des Trostes selbst an ihre Grenzen kommen?
Dass Philosophie und Trost zusammengehören, ist ein alter Gedanke. Als klassischer Bezugspunkt bietet sich Boethius’ Trost der Philosophie an. Die Frage hier ist die nach dem Unterschied: Trost, der die Krise ernst nimmt, gegenüber Vertröstung, die sie zudeckt.

Tisch 5 – Zuversicht
Worauf kann sich Zuversicht gründen, wenn sie nicht auf Naivität beruhen soll? Wie unterscheidet sich Zuversicht von Hoffnung und Optimismus? Und welche Rolle kann Philosophische Praxis dabei spielen, Zuversicht zu stärken, ohne die Ungewissheit der Lage zu verleugnen?
Zuversicht richtet den Blick nach vorn, ohne die Ungewissheit auszublenden. Die Abgrenzung zu Hoffnung und Optimismus ist dabei Teil der Aufgabe, nicht ihr Ergebnis.

Tisch 6 – Professionalität und darüber hinaus
Wo muss ich als Philosoph/Philosophin die „Komfortzone der Professionalität“ verlassen und „als Gefährte auf Zeit“ ins eigene Risiko gehen? Denn wenn Philosophie – im Wortsinn Liebe zur Weisheit – von der Philia, der Freundschaft, herkommt, braucht es für diese Begegnung vielleicht eher die Haltung der Freundschaft als die der Professionalität.
Der letzte Tisch richtet den Blick auf die eigene Rolle. Professionalität gibt Rahmen und Sicherheit. Die Frage ist, wo sie zur Komfortzone wird, die die Begegnung begrenzt.

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