Aus der Zukunft heraus denken

Der Gedanke, aus der Zukunft heraus zu denken, wirkt zunächst paradox. Zukunft ist schließlich unbekannt. Wir wissen nicht, was kommen wird, welche Entwicklungen sich durchsetzen oder welche Krisen uns noch begegnen. Und doch liegt genau in diesem scheinbaren Widerspruch eine enorme produktive Kraft.

Joseph Beuys formulierte diesen Gedanken pointiert, etwa in der Aussage, die Ursache liege in der Zukunft. Gemeint ist damit nicht, dass die Zukunft bereits feststeht, sondern dass das, was wir uns als Zukunft vorstellen, unser heutiges Denken und Handeln prägt. Zukunft wirkt nicht erst morgen – sie wirkt bereits jetzt, als Erwartung, als Bild, als innere Orientierung.

Denn Zukunft entsteht nicht aus dem Nichts. Sie wächst aus den Entscheidungen der Gegenwart und den Bedingungen der Vergangenheit heraus. Was wir heute investieren – an Aufmerksamkeit, Ressourcen, Strukturen und Werten – legt die Pfade an, auf denen wir uns morgen bewegen werden. In diesem Sinne ist Zukunft gestaltbar, und zugleich erkennbar, wenn wir lernen, auf diese Pfadabhängigkeiten zu achten.

Joseph Beuys: Zukunft als schöpferischer Prozess

Im erweiterten Kunstbegriff von Joseph Beuys ist jeder Mensch ein gestaltendes Wesen. Kunst ist hier kein abgegrenzter Bereich, sondern eine soziale Praxis. Gesellschaft selbst wird zum Kunstwerk – formbar, veränderbar, offen. Aus dieser Perspektive ist Zukunft kein Schicksal, sondern ein schöpferischer Auftrag.

Aus der Zukunft heraus zu denken bedeutet bei Beuys: sich nicht allein von bestehenden Strukturen, Problemen oder Zwängen leiten zu lassen, sondern von einer Vorstellung dessen, was möglich sein könnte. Diese Vorstellung ist kein naiver Wunsch, sondern eine aktive Kraft, die Handlungen in der Gegenwart orientiert. Zukunft wird so nicht vorhergesagt, sondern vorweggenommen – durch Denken, Entscheiden und Handeln.

Hildegard Kurt: Zukunftsfähigkeit als kulturelle Praxis

An diesen Gedanken knüpft Hildegard Kurt an, wenn sie Zukunftsfähigkeit nicht primär als technische oder ökonomische Frage versteht, sondern als kulturelle Fähigkeit. In ihrer Arbeit betont sie, dass echte Transformation mehr braucht als Strategien, Kennzahlen und Effizienzprogramme. Sie braucht Imagination, Resonanz und Sinn.

Kurt beschreibt Zukunft als etwas, das nicht einfach geplant oder optimiert werden kann, sondern als etwas, das sich im Zusammenspiel von Wahrnehmung, Haltung und Handlung entfaltet. Zukunftsfähigkeit entsteht dort, wo Menschen und Organisationen lernen, sich auf das noch Nicht-Gewordene einzulassen – ohne die Bodenhaftung zu verlieren. Auch hier ist Zukunft kein äußerer Zwang, sondern ein innerer Bezugspunkt, der das Heute formt.

Transformation ist kein Selbstzweck

Gerade für Organisationen und Unternehmen in Transformationsprozessen ist diese Perspektive zentral. Transformation geschieht nicht um ihrer selbst willen. Sie ist kein permanenter Ausnahmezustand und kein reines Reagieren auf äußere Veränderungen. Transformation ist sinnvoll nur dann, wenn sie auf ein Ziel hin erfolgt.

Dieses Ziel ist Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit – ökonomisch, sozial und ökologisch. Aus der Zukunft heraus zu denken heißt für Organisationen: sich bewusst zu fragen, wofür man sich verändert. Welche Zukunft soll möglich werden? Welche Rolle will das Unternehmen darin spielen? Und was bedeutet das konkret für heutige Entscheidungen?

Eine andere Haltung zu Veränderung

In wirtschaftlich und politisch turbulenten Zeiten neigen viele dazu, Veränderung als etwas Bedrohliches oder Unvermeidbares zu erleben. Der Gedanke von Beuys, weitergeführt durch Hildegard Kurt, öffnet hier eine andere Perspektive: Veränderung ist nicht nur Reaktion, sondern Gestaltung. Zukunft ist nicht etwas, das passiert, sondern etwas, das intendiert, gedacht und entwickelt wird.

Vielleicht liegt genau darin die Aktualität dieses Denkens: Zukunft beginnt nicht morgen. Sie beginnt jetzt – in der Art, wie wir denken, entscheiden und handeln.

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Wenn Stille schmerzt: Einsamkeit